Der französische Korbmacher in Diderot und d'Alemberts Encyclopédie
Wie der Beruf des „vannier“ im 18. Jahrhundert aussah
Serie: Schätze der europäischen Korbmacherkunst - Wicker Academy
Die Geschichte der europäischen Korbmacherkunst ist nicht nur in Museen und alten Werkstätten erhalten geblieben. Eine der wichtigsten Quellen, die den Beruf des Korbmachers beschreibt, ist die monumentale „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“, die zwischen 1751 und 1780 in Paris unter der Redaktion von Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert veröffentlicht wurde. Sie war eines der ehrgeizigsten Vorhaben des Zeitalters der Aufklärung – ein Werk, dessen Ziel es war, sämtliches Wissen über Wissenschaft, Kunst, Technik und Handwerk zu sammeln und zu ordnen.
Unter ihren zehntausenden Einträgen fand sich auch „VANNIER“ – dem französischen Korbmacher gewidmet. Der Artikel wurde von Louis de Jaucourt verfasst, einem der bedeutendsten Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts, und durch drei reich illustrierte Tafeln ergänzt, die Werkstatt, Werkzeuge und Korbwaren zeigen.
Heute, mehr als 250 Jahre später, erlaubt uns diese Quelle einen Blick in die Werkstatt eines französischen Meisters und zeigt, wie sein Alltagsleben aussah.

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Wer war Louis de Jaucourt – der Mann, der Tausende von Berufen beschrieben hat?
Der Autor lebte von 1704 bis 1779 – er war Arzt, Gelehrter und Philosoph. Sein Beitrag zur Entstehung der Encyclopédie war enorm. Man schätzt, dass er rund 17.000 Artikel verfasst hat, also fast ein Viertel des gesamten Werks. Nachdem sich einige Mitwirkende zurückgezogen hatten, übernahm er einen erheblichen Teil der redaktionellen Arbeit und ermöglichte so die Fertigstellung der Enzyklopädie.
Die meisten seiner Texte wurden mit den Initialen „D.J.“ signiert – genau dieselbe Signatur findet sich auch unter dem Eintrag VANNIER.

Louis de Jaucourt
Lassen Sie uns also herausfinden, wer der französische „vannier“ war
Der erste Satz des Artikels zeigt sofort, dass der Beruf des Korbmachers deutlich breiter gefasst war, als man heute vielleicht annimmt.
Louis de Jaucourt definiert den vannier als Handwerker, der einer Berufsinnung (Corps de Jurande) angehört und Dresch- bzw. Wurfflechten (vans) sowie alle Arten von Geflechtwaren herstellte oder verkaufte: Körbe, Tragekörbe (hottes), geflochtene Matten (clayes),
Käfige, dekorative Körbe (corbeilles), Transportkörbe und viele andere Alltagsgegenstände.
Schon diese kurze Beschreibung zeigt, dass der französische Korbmacher des 18. Jahrhunderts nicht nur ein Korbmacher im engeren Sinn war. Er war ein Handwerker, der Landwirtschaft, Handel, Transport und den Haushalt bediente.
Die Pariser Zunft der Meisterkorbweber
Einer der wertvollsten Teile des Artikels betrifft die Organisation des Berufs. Jaucourt schrieb, dass es in Paris eine Gemeinschaft von Meisterkorbwebern gab, deren Statuten bis ins Jahr 1467 zurückreichten. Die Statuten wurden von König Ludwig XI., der von 1461 bis 1483 regierte, genehmigt und später während der Herrschaft Karls IX., der von 1560 bis 1574 regierte, reformiert. Die Reform wurde durch einen Beschluss des königlichen Rates im September 1561 genehmigt und in das Register des Pariser Parlaments eingetragen.
Dies ist außerordentlich wertvolle Information für die Geschichte des europäischen Handwerks, da sie zeigt, dass die Organisation des Berufs bereits im 15. Jahrhundert formal geregelt war.
Interessanterweise ergänzen andere französische historische Studien dieses Bild und weisen darauf hin, dass die Pariser Zunft eigene französische Jurés, religiöse Schutzpatrone und detaillierte Regelungen zur beruflichen Ausbildung und zur Qualität der hergestellten Waren hatte.
Es ist zu erklären, dass die „jurés“ in diesem Zusammenhang nicht Personen waren, die einen Wettbewerb bewerteten, sondern eine offizielle Funktion innerhalb der Zunft innehatten. In französischen Handwerkszünften waren die jurés gewählte Meisterhandwerker, die die Ausübung des Berufs überwachten. Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem die Prüfung der Qualität von Produkten der Zunftmitglieder, die Überwachung der Einhaltung von Zunftstatuten und -vorschriften, die Prüfung der Gesellen, die den Meistertitel anstrebten, die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Zunftmitgliedern, die Vertretung der Zunft gegenüber den städtischen Behörden, die Inspektion von Werkstätten und die Bekämpfung illegaler Produktion außerhalb der Zunft. Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frankreich bezog sich der Begriff juré daher auf einen vereidigten Zunftältesten oder Zunftinspektor. Es war eine Position des öffentlichen Vertrauens, und die Inhaber legten einen Eid ab – daher der Name juré, abgeleitet vom französischen Verb jurer, „einen Eid leisten“.
Drei Spezialisierungen der französischen Korbmacherkunst
Eines der interessantesten Elemente des Artikels ist die Aufteilung des Berufs in spezialisierte Zweige.
- Mandrerie
Meister, die als vanniers-mandriers bekannt waren, stellten eng geflochtene Objekte aus weißer und grüner Weide her.
Dazu gehörten vor allem: Haushaltskörbe, praktische Behälter und Produkte mit kompakter Struktur. - Clôture (Closerie)
Diese Spezialisierung umfasste die Herstellung von: Sieben und Wurfflechten, großen Transportkörben, Traubenerntekörben und Konstruktionen auf Basis von Holzelementen.
Jaucourt betonte, dass dies der anspruchsvollste Teil des Berufs sei, der eigene Werkzeuge und beträchtliche Erfahrung erfordere. - Faisserie
Der Autor beschreibt sie als: „die eigentliche Korbmacherei“
Sie umfasste leichte, durchbrochene Arbeiten: Körbe, kleine Erntekörbe, kleine Behälter und Alltagsgegenstände.
Gleichzeitig stellt er fest, dass viele Meister sowohl Mandrerie- als auch Faisserie-Artikel herstellten, was die große Vielseitigkeit der französischen Korbmacher zeigt.
Die Werkstatt des Meisters
Der eindrucksvollste Teil des Eintrags besteht aus drei Tafeln, die den Beruf illustrieren.
Die erste zeigt das Innere der Werkstatt.
Man sieht: einen Meister beim Flechten eines Korbs, einen jungen Helfer, der das Material vorbereitet, einen Gesellen, der an einem Tisch arbeitet, Regale voller fertiger Produkte, an den Wänden hängende Werkzeuge, Arbeitstische und Formen, die beim Flechten verwendet werden.
Es ist eine der detailliertesten Darstellungen einer Korbmacherwerkstatt aus dem 18. Jahrhundert, die bis in die Gegenwart überliefert ist.

Fig. 1. Eine zeitgenössische Rekonstruktion, inspiriert von den „Vannier“-Tafeln aus der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (Diderot und d'Alembert, 18. Jahrhundert). Wicker Academy

Fig. 2. Eine zeitgenössische Rekonstruktion, inspiriert von den „Vannier“-Tafeln aus der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (Diderot und d'Alembert, 18. Jahrhundert). Wicker Academy
Die Werkzeuge des französischen Korbmachers
Die zweite Tafel zeigt ein Set von Werkzeugen, die der Meister verwendete.
Dazu gehören: ein gebogenes Rebmesser (serpette), ein Ahle, Stechwerkzeuge, Messer zum Spalten der Weidenruten, Reibahlen, ein Holzhammer, eine Säge und Elemente zur Formgebung von Rändern. Bemerkenswert ist, dass sich viele dieser Werkzeuge in ihrer Form nur wenig verändert haben und noch heute in traditionellen Korbmacherwerkstätten in ganz Europa zu finden sind.

Fig. 3a. Le Vannier, outils - Werkzeuge des französischen Korbmachers. Originaltafel aus der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Quelle: Bibliothèque nationale de France (BnF).
Von Meistern im 18. Jahrhundert hergestellte Produkte
Die dritte Tafel zeigt fertige Produkte.
Dazu gehören: ein Sieb oder Wurfflechtkorb zur Getreidetrennung, Haushaltskörbe, ein Korb mit Deckel, Griffförmige Körbe, Kisten, Schalen und Transportbehälter.
Dies ist eine außerordentlich interessante Sammlung, weil sie zeigt, wie breit das Produktspektrum der französischen Werkstätten war. Korbmacher stellten nicht nur Alltagsgegenstände her, sondern auch Ausrüstung für Landwirtschaft, Handel und Transport.

Fig. 4a. Le Vannier, ouvrages et outils - Beispiele für Produkte und Werkzeuge französischer Korbmacher. Originaltafel aus der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Quelle: Bibliothèque nationale de France (BnF).
Das Sieb (Wurfflechtkorb) – ein Symbol der französischen Korbmacherkunst
Im vorherigen Wicker Academy-Artikel zeigten wir, dass drei Siebe oder Wurfflechtkörbe im historischen Wappen der französischen Korbmacher erschienen. Für die Franzosen des 18. Jahrhunderts waren sie die charakteristischsten Produkte dieses Berufs und ein Symbol des gesamten Handwerks. Auf diese Weise ergänzen sich die beiden Quellen – die heraldische und die enzyklopädische.
Warum ist der Eintrag „VANNIER“ so wichtig?
Louis de Jaucourts Artikel ist mehr als eine Berufsdefinition.
Er bietet eine umfassende Beschreibung von: der Organisation der Handwerkszunft, Produktionsspezialisierungen, der Werkstatt, Werkzeugen und fertigen Produkten.
Zusammen mit den Tafeln bildet er eine der wichtigsten Aufzeichnungen zur europäischen Korbmacherkunst des 18. Jahrhunderts und ermöglicht es uns, die tägliche Arbeit eines französischen Meisters von vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten zu rekonstruieren.
Zusammenfassung
Dank Diderot und d'Alemberts Encyclopédie können wir die französische Korbmacherkunst nicht nur als Handwerk, sondern als gut organisierte Profession mit einer jahrhundertealten Tradition, eigenen Spezialisierungen, Werkzeugen und klar definierten Arbeitsprinzipien betrachten.
Gerade Quellen wie diese ermöglichen es uns heute, die Geschichte der europäischen Korbmacherei zu rekonstruieren und zu zeigen, dass Korbflechten einst einer der wichtigen Wirtschaftszweige und Teile der materiellen Kultur Frankreichs war.
Bibliographie
- Diderot, Denis; d'Alembert, Jean le Rond (Hg.). Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (1751–1780). Bibliothèque nationale de France.
https://en.wikipedia.org/wiki/Encyclop%C3%A9die#/media/File:Denis_Diderot_111.PNG
- Jaucourt, Louis de. VANNIER, Encyclopédie, erste Ausgabe.
https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Encyclop%C3%A9die/1re_%C3%A9dition/VANNERIE
- Musée protestant – Louis de Jaucourt (1704–1779)
https://museeprotestant.org/en/notice/louis-de-jaucourt-1704-1779-2/
